Ich denke oft an Tante Otti. Ganz besonders aber denke ich an sie in der Passionszeit.
(C. Blazejewski)

Meine „richtige Tante“ war sie eigentlich nicht, sondern die Tante der Schulfreundin meiner Mutter. Ottilie Drechsler, geborene Möckel und ihr Bruder Rudolf waren Kinder bitterarmer Leute im Erzgebirge. Trotz ihres Fleißes mussten sie abends oft hungrig zu Bett gehen.
„Zum Geburtstag habe ich mir jedes Jahr ein halbes Brötchen mit Butter gewünscht. Ein Brötchen, das vielleicht sogar ein Loch innen im Teig hat, wie das manchmal beim Backen passiert. Dann hätte ich meine Muttel gebeten, die Butter, die beim Streichen in das Loch rutscht, nicht wieder rauszuholen und sparsam, wie sie war und ja auch sein musste, auf die andere Brötchenhälfte zu schmieren. Aus Not hat sie mir den Wunsch nie erfüllen können. Sowieso gab es nur selten Butter. Aber ich leiste mir das! Jeden Sonntag! Und ich bin so dankbar, dass ich mir diesen Wunsch jetzt selbst erfüllen kann!“
Das hat mir Tante Otti erzählt, als ich ein Kind war, und es klang für mich wie aus einem Märchen der Gebrüder Grimm.

Trotz ihrer Armut sparten die Eltern so viel Geld zusammen, dass sie Rudolf nach der Schule weiterlernen lassen konnten. Für Otti kam das selbstverständlich gar nicht in Frage. Otti würde heiraten, und ihr Ehemann würde für sie sorgen. Und Otti heiratete auch. Den Herrn Drechsler, den ich nie kennengelernt habe. Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn.
Als ich ein junges Mädchen war, klärte sie mich auf, wie ich mich legen müsste, damit beim Zeugungsakt ein Junge entstände. Ich sehe noch vor mir, wie sich die stattliche, etwas korpulente Frau mit hochgestecktem dunklen Haar, das schon graue Stellen zeigte, auf die Sofaliege warf und die entsprechende Stellung einnahm. Ich warf mich probehalber neben sie, und wir lachten wie Kinder miteinander.
Die Position habe ich mir gemerkt und an andere Frauen weitergegeben, sie selbst aber nie ausprobiert, denn ich wollte Töchter, und die habe ich auch bekommen.

Ottis Sohn starb als kleines Kind, und ihr Mann rächte das an ihr.
Nach damaligen christlichen Tugenden erzogen kam Otti nicht einmal der Gedanke an Scheidung. Sie war eine tief gläubige Frau und entschlossen, das ihr von Gott bestimmte Schicksal anzunehmen und tapfer das Beste draus zu machen, denn eine praktische und lebenstüchtige Frau war sie außerdem.
Ihr Mann trieb sich herum. Sie bekam keinen Groschen von ihm.
Ihr Bruder stand ihr bei, aber sie wollte sich nicht aushalten lassen und ging in seine Fabrik um zu arbeiten.

Ja, aus Rudolf war etwas geworden! Er stellte Bürsten her und Handwerker-Pinsel, wie es Tradition im Erzgebirge ist. Er konnte sogar schon ein paar Arbeiter einstellen – „meine Leute“, wie er sagte. Seine Frau half beim Verpacken der Ware für den Versand und kochte für alle. Tante Otti stand ihr jetzt zur Seite.
Rudolf war nicht nur ein tüchtiger Geschäftsmann, sondern bildete sich weiter. Er qualifizierte die geschicktesten seiner Arbeiter, Pinsel für Künstler herzustellten, die aus der kleinen Stadt im Erzgebirge in die ganze Welt verschickt wurden. Bis nach China! Das klang für mich als Kind wie aus einem Märchen von Hans Christian Andersen, denn China war unerreichbar für mich in der DDR, und ich meinte, das würde auch so bleiben.
Tante Otti verdiente nun ihr eigenes Geld. Erst hielt sie es zwar für nötig, aber eher unziemlich, dann fing es an, ihr Spaß zu machen. Und wie sie es von zu Hause gewohnt war, ging es auch gleich ans Sparen.

Die nächste Geschichte, die ich als Kind vernahm, hätte mir vorkommen können wie aus einem Kriminalroman; aber Kriminalromane gab es bei uns nicht zu lesen, für Kinder schon gar nicht. Umso aufgeregter hörte ich zu, als die Schulfreundin meiner Mutter, unsere sogenannte Tante Annette, ihr erzählte, wie Herr Drechsler versucht hatte, Tante Otti zu vergiften, um ihre Ersparnisse zu erben. Tante Otti kam knapp mit dem Leben davon und war nach einem ernsten Gespräch mit ihrem Bruder Rudolf bereit, sich schnellstens scheiden zu lassen. Sie zog zu ihm in sein Haus neben der Fabrik. Dort habe ich sie kennengelernt.

Wir waren oft bei Möckels zu Besuch, verbrachten sogar Ferien bei ihnen, besonders gern im Winter. Wenn wir eintrafen und geklingelt hatten, öffnete sich die Tür und in ihrem Rahmen standen Onkel Rudolf und seine Frau Hanni. Sie begrüßten uns. Zwei Schritte hinter ihnen und noch von ihnen verdeckt, stand Tante Otti und lächelte uns entgegen. Hanni und Otti umsorgten unsere ganze Familie liebevoll. Sie standen für uns in der Küche. Hanni kochte und Otti arbeitete ihr zu. Sie brachten uns, wenn wir vom Skifahren ausgefroren zurückkehrten, die an der Heizung vorgewärmten Hausschuhe. Hanni vorneweg, Otti zwei Schritte hinter ihr. Setzten wir uns zusammen an den Tisch, nahm Tante Otti zuletzt Platz. Sie war der gute dienende Geist und hielt sich immer zurück. Darauf bedacht, nicht zu stören – egal ob sie uns ein Handtuch reichte oder die Suppenschüssel. Oft war sie so leise unterwegs, dass wir sie vergaßen.

Manchmal aber, wenn wir sie ansprachen, zeigten sich ihr lebhaftes Temperament und ihr wacher Geist.
Jeden Tag las sie die Zeitung. Unbestechlich setzte sie sich mit den Artikeln einer manipulativen Presse auseinander. Ihr schon auf einige harte Prüfungen gestellter Realitätssinn sezierte jede Aussage. Tante Otti stand ein für die Wahrheit ohne je auf Konfrontation zu gehen. Ihr lag nichts am „Recht haben“, sondern am „Recht tun“.
Ihr Bruder Rudolf wurde in der DDR enteignet. Er verlor seine Fabrik.
Der von der SED eingesetzte Betriebsleiter, der von nun an die Entscheidungen treffen sollte, war dazu aufgrund mangelnder Kenntnisse und Erfahrungen gar nicht in der Lage.
Rudolf und Otti unterstützten ihn. „Es geht ja um unsere Leute“, sagten sie.

Annette, die Schulfreundin meiner Mutter, Tante Ottis Nichte, vergalt ihr das Gute, das sie der Familie uneigennützig Jahrzehnte lang gegeben hatte.
Annette war unverheiratet geblieben und sorgte für ihre Eltern und Tante Otti im Alter.
Nach ihrem Vater Rudolf starb Mutter Hanni. Tante Otti zog mit Annette in eine kleine Wohnung. Die beiden hatten wenig: die niedrigste DDR-Rente, ein wenig Erspartes und „ein paar schöne Stücke“.
Erst konnte Tante Otti nicht mehr laufen. Dann konnte sie nichts mehr im Haushalt tun. Sie verlor das Augenlicht. Das Gehör wurde so schlecht, dass sie kaum noch verstand, selbst wenn wir schrieen.
Tagsüber saß sie in einem Ohrensessel. Man könnte sagen, sie tat nichts. Aber das stimmt nicht. Denn sie lächelte. Ihr Lächeln erfüllte den ganzen Raum.

Ich spürte es schon unten im Treppenhaus, als ich an einem Ostersonntag hochstieg in den dritten Stock. Draußen lag – wie oft an Ostern im Erzgebirge – noch Schnee, und Annette reichte mir die vorgewärmten Hausschuhe. Gleich ging ich hinein zu Tante Otti und setzte mich neben sie.
Meine Seele öffnete sich und breitete sich aus unter ihrem Lächeln. Ich nahm ihre Hand. Jetzt erst bemerkte sie mich und wand mir ihr Gesicht zu. Das Lächeln nahm einen neuen, beglückten Ausdruck an.
„Meine Carmen“, sagte sie, und ich fragte mich, woran sie mich erkannt hatte.
An meinen Händen? Ihre Hand lag warm und weich in meinen. Ich küsste ihren Handrücken und schmiegte mich an sie, so weit das Ohrensessel und Stuhl erlaubten.
„Wie geht es dir?“ fragte Tante Otti, und ich brüllte ihr ein „Gut!“ ins Ohr. Es kam mir ungehörig vor.
Annette frisierte Tante Otti jeden Morgen neu und derart sorgfältig auf gutes Aussehen bedacht, als ob der Bürgermeister sich angemeldet hätte.
Das Ohr lag frei, es war fein gebildet, eher groß als klein, aber es hörte eben nicht. Ich überwand die Abneigung, Tante Otti anzubrüllen, fasste alle Stimmkapazität zusammen und wiederholte so laut ich konnte „Gut! Tante Otti, gut!“
Tante Otti entzog mir ihre schmale Hand mit den langen, eleganten Fingern und fasste sich ans Ohr. Sie schüttelte sich ein wenig und lächelte, als ob sie gekitzelt würde. Wahrscheinlich hatte ich das mit meinem Atem dicht an ihrem Ohr getan. Tante Otti nickte jetzt und ihre Finger suchten nach meinen Händen. Sie streichelte mich, und ihr Lächeln war zärtlich und liebevoll.
„Das freut mich“, sagte sie. „Danke, dass du gekommen bist. Meine liebe Carmen, wie schön, dass du da bist.“
So saßen wir eine ganze Zeit still beieinander. Hand in Hand. Warm und innig.

Draußen war ich durch einen sonnigen Nachmittag gegangen. Die Stube, in der Tante Otti saß, als ich hereingekommen war, lag noch im Dunkeln. ‚Wie schade’, hatte ich erst gedacht und dann: ‚Tante Otti kann ja sowieso nichts sehen.’ Inzwischen aber war die Sonne ums Haus gewandert, hatte das Fenster erreicht und schien plötzlich warm und hell zu uns herein.
Konnte Tante Otti noch Hell oder Dunkel erkennen? Oder einfach die Sonnenwärme fühlen? Sie wendete ihren Kopf dem Licht zu und ihr Lächeln breitete sich aus von dem kleinen Platz, auf dem wir beide saßen durch die Stube zum Licht und durch das Fenster in die ganze weite Welt hinaus.
Ich hörte die Glocken läuteten. Nein, sie läuteten nicht, aber ich hörte sie. Ich hörte sie, weil Tante Otti sie hören konnte. Woher ich das weiß? Sie sagte es mir: „Heute ist Ostersonntag, meine liebe Carmen! Wie schön die Glocken läuten!“

Als Tante Otti starb, war ich 32, das ist 35 Jahre her.
Als ich jung war und bereit, für das Gute zu kämpfen, fand ich es unerträglich, wenn Leute sagten: „Man muss eben sein Kreuz tragen.“
Wieso das denn? Jesus war für uns am Kreuz gestorben! Jetzt galt es, in seinem Sinne für das Gute da zu sein.
Inzwischen hat sich unser Leben sehr verändert. Wir gehen davon aus: Es hat uns einfach gut zu gehen! Alles andere ist unhaltbar! Man muss eben zum Arzt gehen, auf dem Amt Widerspruch einlegen, sich einen Therapeuten nehmen, den Mann verlassen, sich von dem Freund abwenden, der gekränkt hat oder „es ihm mal so richtig zeigen, damit er merkt, wie das ist, wenn man verletzt wird.“
Es gibt viel Übel in unserem Leben – deshalb vermisse ich dieses Wort „Übel“ im neuen VATERUNSER. Oft ist es viel schwerer, mit dem Übel fertig zu werden als mit dem Bösen. Ich jedenfalls bin da eher auf Hilfe angewiesen.
Stimmt ja, auch an Gott darf ich mich wenden, wenn es mir schlecht geht. Darf ihn um die Erfüllung meiner Wünsche bitten. Auch von dort soll Besserung für mich kommen. Schutzengel, Engel überhaupt haben Hochkonjunktur, sollen für uns da sein.
Warum habe ich jedes Mal das Gefühl, da stimmt etwas nicht, wenn ich an Tante Otti denke?

Tante Otti hat nie davon gesprochen, sie müsse ein Kreuz tragen. Dabei hat sie doch wirklich ein schweres, oft so ungerechtes Leben gehabt! Ich habe sie nie klagen hören. Oder sich beschweren. Wenn irgend möglich, stand sie für sich selber ein. Um Hilfe hat sie nur ein einziges Mal gebeten. Ihren Bruder. Im Stillen vielleicht auch Gott? Ich habe sie das nie gefragt, das bedauere ich.

Was würde sie mir antworten, wenn ich sie frage? Opponierend, wie ich es oft getan habe, verstört von dem Bild, dass ein Vater seinen Sohn stellvertretend opfert. Gottvater, der eigentlich geboten hat, sich kein Bild von IHM zu machen und doch gibt es Bilder über Bilder.
Vielleicht soll es gender-gerecht bald Gottmutter heißen, und es wird neue Bilder über Bilder geben.
So viele theologische Fragen sind mir unbeantwortet geblieben.
Viele Interpretationen von Bibelaussagen kann ich nicht annehmen.
Wissenschaftler recherchieren, wo die Bibel historisch, biologisch, geologisch, physikalisch etc. schon immer Recht hatte.
Aber  Glauben ist etwas ganz anderes.

Über ihren Glauben hat Tante Otti nie gesprochen. Sie hat ihn gelebt. Selbst in ihren schlimmen, schweren Tagen war sie niemals sozusagen ans Kreuz geschlagen. Sie hat auch nie das Kreuz getragen. Im Gegenteil, das Kreuz hat sie getragen. Oder erlöst. So würde ich es sagen. Sie hat sich von ihm tragen lassen. In ihrem Glauben war Platz für das Kreuz, so wie das Kreuz nun einmal Teil des Lebens ist. Aber sie war mit dem Kreuz nicht allein. Wo das Kreuz war, war auch Gott. Und eine Hilfe, nicht von dieser Welt. Eine Hilfe, die von Gott her in ihr Leben leuchtete. Wie die Sonne am Ostersonntag. Ihr ganzes Leben war davon erfüllt.

Wir meinten, sie hätte es schwer. Aber sie hatte es, getragen von dem Licht, ganz leicht. Darum konnte sie lächeln. Und uns ihr Lächeln schenken. Ein Lächeln der Erlösung, sichtbar gerade in ihren letzten Jahren, in jenem Alter, wenn unsere Gesichter durchsichtig werden.

Für mich erzählt die Passionszeit von den grausamen Taten der Menschen, die nach wie vor in der Welt sind. Die Gedanken daran kann ich kaum ertragen, und da, wo sie mir begegnen, quält mich meine Hilflosigkeit.
Das Kreuz wird Menschen aufgeladen. Immer noch. Es wird aufgerichtet. Jeden Tag. Menschen werden gequält, gefoltert und ans Kreuz geschlagen. Tag für Tag. Manchmal bin ich sogar daran beteiligt, ob ich will oder nicht, einfach, weil ich die Wohltaten einer Gesellschaft genieße, die auf Unrecht gebaut ist. Und auf die Ausbeutung von Menschen in anderen Ländern, die längst nicht mehr weit weg sind.
Das ist mein schwerstes Kreuz. Muss ich es tragen? Oder hat Jesus mich längst erlöst?
Eines fühle ich gewiss: Jesu Tod am Kreuz bedeutet nicht, dass es uns gut zu gehen hat. Sein Tod zeigt an, wozu Menschen fähig sind und was gerade denen geschieht, die sanftmütig, friedfertig und voll der Liebe sind.
Was kann ich nur dagegen tun?
Wenigstens halte ich mich zurück mit Bitten für mich.
Ich bete.
Und oft fühle ich mich wunderbar getragen.
Wieso eigentlich?
Weil ich Tante Otti kennen durfte und ihr Lächeln erkannt habe.