Gedanken zur Passionszeit
A. Köhn

Passionszeit. Eine ganz besondere Zeit. Eine Zeit, in der wir ganz bewusst verzichten und uns darauf besinnen, was wir wirklich zum Leben brauchen, was uns wirklich wichtig ist. Die innere Einkehr. Das Bewusstsein, dass ich immer in Gottes Hand bin. Dass auch nach aller Dunkelheit das Leben über den Tod siegen wird.
Passionszeit 2020
Der erste Lockdown. Ein Wort, das wir vorher gar nicht kannten.
Isolation. Menschen halten Abstand von ihren Mitmenschen.
Ich begegne Menschen, die in dieser Zeit ihre Lieben im Krankenhaus oder im Pflegeheim nicht besuchen dürfen. Menschen sterben einsam. Angehörige zerbrechen daran, dass sie ihren Liebsten nicht beistehen dürfen.
Ich frage mich zum ersten Mal, was passiert hier? Ist das richtig? Ist das christlich?
Kinder dürfen nicht mehr miteinander spielen. Spielplätze sind geschlossen. Singen ist verboten.
Kindern wird vermittelt, dass sie eine Gefahr für ihre Großeltern sein können. Dass sie eine Krankheit übertragen können, obwohl sie sich ganz gesund und fröhlich fühlen. Dass jeder Mensch für jeden eine Gefahr darstellt. Dass Abstand Solidarität bedeutet.
Kinder mit einem positiven PCR Test sollen innerhalb der Familie isoliert werden, so schreibt es das Gesundheitsamt vor.
Ist das menschlich? Ist das christlich?
Die alten Menschen erinnern sich daran, dass sie nach dem Krieg fast alle an Tbc erkrankt waren.
Jeder kannte jemanden, der krank war oder sogar daran verstorben ist. Damals eine sehr ansteckende und durchaus tödliche Erkrankung, gegen die es kein Mittel gab. Die Menschen haben sich trotzdem umeinander gekümmert. Ihre Angehörigen in den Heilanstalten besucht.
Kein Ende der Passionszeit.
Das gewohnte Leben kehrt nicht zurück.
Zu Abstand und Isolation sind die Masken hinzugekommen.
War zunächst die Solidarität mit den Risikogruppen ein großes Thema, so werden jetzt Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen können, von ihren Mitmenschen beschimpft. Kinder sollen in den Schulen Masken tragen.
Nachbarn denunzieren Nachbarn, weil die sich nicht an Regeln halten. Regeln, die sich täglich ändern und oft nicht wirklich nachvollziehbar sind.
Alle sind gefangen in Angst. Auch ich habe Angst. Angst um unsere Menschlichkeit. Angst um unsere christlichen Werte.
Täglich werden neue schlimme Zahlen gemeldet. Hohe Zahlen von Menschen, die einen positiven PCR-Test haben und als Infizierte bezeichnet werden. Aber reicht diese Zahl alleine aus, um die Angst zu rechtfertigen?
Muss ich nicht dazu auch wissen, wie viele von diesen Infizierten dann tatsächlich erkranken, ob sie schwer erkranken, ob sie tatsächlich ansteckend sind, wenn sie gar keine Symptome entwickeln?
Die Todeszahlen – muss ich sie nicht wenigstens ins Verhältnis setzen zur Bevölkerungszahl?
Wie viele Menschen sind im letzten Jahr im gleichen Zeitraum gestorben?
In welcher Altersgruppe wird gestorben? Was für Vorerkrankungen?
Ohne jede Relation machen die Zahlen Angst.
Was würden wir persönlich von der Pandemie merken, wenn wir nicht täglich diese Zahlen hören würden?
Meine Passionszeit 2021
Ich verzichte. Ich höre keine Nachrichten mehr, ich habe die Zeitung abbestellt. Die Angst vor dem Virus bestimmt nicht mein Leben. Das Sicherste in unserem Leben ist die Tatsache, dass wir alle sterben werden. Die Angst vor dem Tod ist menschlich und das Wissen darum, dass unsere Zeit begrenzt ist, hilft uns sie sinnvoll zu nutzen. Besonders wir Christen haben aber auch die Verpflichtung, unser Leben wirklich zu leben und nicht aus Angst vor dem Tod zu erstarren.
Füreinander und miteinander. Trost spenden, Hoffnung geben. Menschen brauchen Nähe und ein Lächeln. Wir sind alle in Gottes Hand. Das ist die einzige Sicherheit, die ich brauche.